Das Spiel geht weiter, ganz ungeniert.
Lasst ihn brennen – er ist Schuld!
Tausende Jecken haben im Karneval jedanzt, jebützt und jesongen, doch am Ende musste einer Schuld sein. Der Nubbel, er nimmt die gesamte Schuld auf sich – oder besser gesagt, sie wird ihm aufgebürdet – um sodann mit ihm in Flammen aufzugehen. „Der Nubbel wars, der Nubbel muss brennen“, klingt es grölend im Einklang aus den Mündern der Masse, die sich um den Nubbel versammelt haben, um ihn in den Tod zu schicken.
Aber nochmal einen Schritt zurück. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass ich den Karneval verunglimpfen möchte, oder die Tradition und das Ritual, einmal im Jahr genüsslich die Sau raus lassen zu dürfen. Befremdlich ist dabei vielleicht nicht mal die Tradition, mit der der Karneval beendet wird und alle Jecken wieder ihrem Alltag nachgehen. Befremdlich ist für mich, wie inbrünstig einige mit grölen, wenn gefragt wird: „Wer ist Schuld?“, „Wer ist Schuld, dass wir zu viel gesoffen haben?“ und die Menge einheitlich antwortet: „Der Nubbel ist’s Schuld“ und dann „Wer ist Schuld, dass wir unsere Partner*innen betrogen haben“ und die Masse: „dat wor dä Nubbel”, um sodann zu fordern: “der Nubbel muss brennen!“
Und es dauert nicht lange, bis der Nubbel brennt – er wälzt sich auf dem Asphalt und brennt lichterloh – er ist schließlich aus Stroh. Allerdings und wohl bemerkt nur in seinem Inneren, außen ist er in der Gestalt einer Strohpuppe mit menschlichem Antlitz.
Das gemeinsame Grölen und verbrennen eines „Außenseiters“ beendet die jecke (verrückte) Zeit und mit dem Tod des Nubbels, wendet sich das karnevalistische Volk wieder dem Alltagsgeschehen zu. Nicht jedoch bevor es sich geschmückt hat, mit einem Aschenkreuz aus den Überresten ihres Opfers, das zugleich alle Sünden von ihnen genommen hat.
Der Ausnahmezustand scheint kein Ende zu nehmen
Du könntest jetzt denken, ich sei ein Karnevals-Hasser. Aber nein, ich habe richtig jeckes rheinisches Blut in mir und nicht zuletzt jahrelang am Weg des Karnevalszochs gewohnt und gefeiert. Was mich aber befremdet ist, dass der Ausnahmezustand kein Ende zu nehmen scheint, denn es dröhnt ja weiter – noch nicht durch die Straßen, aber im Radio, in den Debatten. Mehr Waffenlieferungen; ein Sondervermögen/Sonderschulden; ohne Krieg, kein Frieden. Das Johlen der Karnevalisten im Sinne von „der Nubbel wars, der Nubbel muss brennen“, setzt sich ungeniert fort in der öffentlichen Debatte. Ständig höre ich „einfache Lösungen sind Populismus“ und gleichzeitig wird die einfachste aller Lösungen gefordert: immer mehr Waffen! Doch dieses „Spiel“ kennen wir doch schon, das Ende auch!
„Worte konstituieren Wirklichkeit“
In meinem Hinterkopf hat sich der Satz „Worte konstituieren Wirklichkeit“ eingebrannt. Die Forderung nach einem Opfer im Karneval, klingt zumindest für mich furchterregend. Eine gierige Masse, die aus Gaudi den Tot eines Wehrlosen fordert, der dann tatsächlich eintritt. Nichts anderes geschieht im Krieg, es werden Worte salonfähig, dann Massen mobilisiert und am Ende – und hier ist es anders – verlieren fast alle.
Ist es schon zu spät? Was sagt die Soziale Arbeit?
Irgendwann ist es zu spät! Denn der Moment wird kommen: Solange über die Unausweichlichkeit von Krieg und Aufrüstung geredet wird, kommt dieser in den Köpfen immer näher, bis er eines Tages an der eigenen Türe klopft und abermals die Kinder an die Front bittet.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich ist es unerträglich. Auf der einen Seite geht es in der Sozialen Arbeit darum, den sozialen Frieden zu wahren und für mich darüber hinaus noch darum, Inspiration und positive Zukunftsperspektiven zu ermöglichen. Auf der anderen Seite werden in der Öffentlichkeit destruktive Debatten geführt, die Angst und Hass schüren und vermeintliche Wahrheiten postulieren: „Es gibt keine Alternative“; ein schrecklicher Glaubenssatz, der noch nie gestimmt hat und niemals stimmen wird.
Eine These: Mehr Waffen → mehr Tote → mehr Leid → mehr Trauer und Wut → mehr Hass → mehr Krieg → mehr Geld für Waffen → weniger Geld für Soziales → weniger (bezahlbaren) Wohnraum → weniger gesellschaftlichen Zusammenhalt → weniger Verständnis füreinander → weniger Nachdenken → weniger Skrupel vor dem Leid anderer → mehr Waffen …
Das Kölsche Grundgesetz §3 „Et hätt noch immer jot jejangen“ (Es ist noch immer gut gegangen) hat sich so in der Vergangenheit leider nicht immer bewahrheitet.
Wird es so kommen? Was denkt ihr?
Ich stehe für win-win Lösungen. Für eine Welt, in der es nicht um die Durchsetzung von (Macht-)Positionen geht, sondern um die Erfüllung von Bedürfnissen wie Gemeinschaft, Liebe, Gesundheit und dies nicht auf Kosten anderer. In den Menschenrechten, dem Grundgesetz, den religiösen Lehren, überall ist die Rede vom Miteinander – im öffentlichen Diskurs nehme ich das Gegenteil war – von den Worthülsen abgesehen. Lasst uns gemeinsam mitmenschlich werden! Dies beginnt im eigenen Kopf und in der Öffnung für sinnstiftende Perspektiven. Umdenken, Perspektivwechsel wagen, Gedankenvielfalt zulassen, um neue Ideen und Lösungen denken und gestalten zu können und dies unter Wahrung der Menschenrechte, ist Voraussetzung für eine positive Zukunft. Eine Zukunft, in der Menschen zuversichtlich sein können und mitfühlend handeln können.
Erzählt mir von eurer Haltung!
Was denkst Du über die soziale Spaltung, die sich unter anderem im Unverständnis füreinander ausdrückt? Über Karneval? Über Krieg? Gerne möchte ich mit Vielen Diskurse führen, die sich durch Wertschätzung füreinander auszeichnen und positive Weltbilder befördern.
